Berans Kultur-Botschaft


Wem helfen eigentlich Hilfszügel?“

 

Dem Reiter? Dem Pferd? Fakt ist, dass jeder Hilfszügel das Pferd in eine Zwangshaltung bringt. Er sollte also besser „Zwangszügel“ heißen, was den Effekt hätte, dass diese negative Anmutung mehr Anwender zum Nachdenken anregen würde. Solange ein Zwangszügel wie etwa der Schlaufzügel den Kosenamen „Schlaufi“ trägt, verbinden ja die wenigsten damit etwas Grausames.

Die Dressur eines Pferdes ist das Schwierigste überhaupt

Sie verlangt sehr viel Können, Wissen und Erfahrung. Jedes andere Tier ist wesentlich einfacher auszubilden, denn es muss lediglich VERSTEHEN was wir von ihm möchten und motiviert sein, das Verlangte ausführen zu WOLLEN. Ein Reitpferd muss VERSTEHEN, WOLLEN und außerdem KÖNNEN! Habe ich mein Pferd beispielsweise sehr auf die Vorhand geritten, kann es keine erhabene Piaffe mit Fleiß und Energie zeigen, weil es ihm körperlich nicht möglich ist. Da hilft kein Strafen und kein Wiederholen, das Pferd hat verstanden, würde es auch gerne machen, aber es kann einfach nicht. Stellen Sie sich vor, Sie sollen Spagat machen und würden das auch gerne. Warum tun Sie es dann nicht? Weil Ihr Köper nicht ausreichend gymnastiziert ist und Sie es nicht KÖNNEN! Glauben Sie, ein Hilfszügel könnte Ihnen da helfen? Nein, aber er kann Sie zwingen. Aber er wird Ihnen die Motivation nehmen und Ihnen eventuell ein Muskelproblem bescheren, vielleicht sogar eine Verletzung an Band oder Sehne.

Gute Pferdeausbildung braucht Jahre

Vergessen wir nicht, was Udo Bürger uns in sein Lehrbuch „Vollendete Reitkunst“ schrieb: „Wir müssen die Haltung genau so wie die Führung von hinten nach vorn aufbauen, Kopf und Hals sind das letzte, was sich der Form aus einem Guß anpasst“ (mehr dazu ab Seite 60). Am Ende dieser Gymnastizierung geht das Pferd mit schön gewölbtem Hals in Aufrichtung, aber das dauert Jahre. Jede Zwangsmaßnahme, um diese Haltung beim Pferd vorher zu erreichen, ist nicht reell und für das Pferd weder gesund noch motivierend. Doch schon Bürger wusste: „Das Auge des Anfängers wird immer an der mehr oder weniger schön gebogenen Halsform hängen bleiben. Aber dieses einseitige Beachten der Halshaltung führt solche Reiter auch zu dem schlimmsten und häufigsten Fehler, und der ist die Sucht, durch irgendwelche Manipulationen mit den Händen erreichen zu wollen, dass das Pferd in Haltung geht.“

Bitte keine Zwangshaltung in der Reitkunst

Sind wir eigentlich eine Nation von Reit-Anfängern geworden? Werden Manipulationen an Pferden von Profis in Kauf genommen, um Anfängern zu imponieren oder zum Pferdekauf zu überreden? Das wäre der Kreatur gegenüber schäbig und der Reitkunst außerdem nicht dienlich. Oder ist es eher so wie Udo Bürger schreibt: „Es gibt sogar Reiter, die sich mit Pferdeausbildung befassen und die in ihrer Rat- und Gefühllosigkeit zum feststehenden Ausbindezügel, zum flaschenzugartig wirkenden Schlaufzügel und anderen sinnreichen Konstruktionen von Hilfszügeln greifen, welche Kopf und Hals des Pferdes herunterziehen und so eine Beugehaltung erzwingen, die eben nur eine Zwangshaltung sein kann. Dieser Tatsache, verbunden mit den vielen Misserfolgen ist es zu verdanken, dass diese Formungsmaschinen fast ganz in Vergessenheit geraten sind. Und sieht man mal, dass irgendein an sich selbst Verzweifelnder sie wieder ausgräbt, dann braucht man nur kurze Zeit abzuwarten, um zu sehen, dass er sein Pferd damit zugrunderichtet, weil er es auch mit diesen Mitteln nicht kann, denn er sitzt restlos im Sumpf der Irrlehre fest.“

„Zwangszügel“ brauchen worin der Pferdeausbildung nicht

Leider sind die „Formungsmaschinen“ ganz und gar nicht verschwunden, sondern als Bestandteil moderner Pferdeausbildung in fast jedem Reitstall etabliert. Sogar bei Körungen vollkommen unfertiger junger Hengste kommen sie zum Einsatz. Sitzen wir also mehr denn je im Sumpf der Irrlehre fest? Haben wir wirklich so viele „an sich selbst Verzweifelnde“? Oder einfach Profis und Laien, die es sich bequem machen. Das würde dafür sprechen, dass wir den Begriff „Zwangszügel“ brauchen. Was wir jedenfalls dringender denn je brauchen, sind echte Ausbilder, die reelle Hilfe bei der Ausbildung leisten und die Hochkonjunktur der Hilfszügel stoppen.