„Reif für die Kandare – im Grunde kinderleicht“

Wenn es um die Kandare geht, scheiden sich in der Reiter-welt die Geister: Könner präsentieren ihre Pferde meisterlich bis in die höchsten Lektionen mit diesem Gebiss. So mancher „Tierfreund“ verteufelt jedoch die Kandare als Martyrium fürs Pferd.

Foto: Mader

Foto: Mader

Bei vielen Reitern mit Ambitionen für die feine Dressur bleibt es ein geheimer Wunsch, die „Kandarenreife“ zu er-langen, denn die Voraussetzungen müssen stimmen. Das beginnt beim passenden Reitlehrer: Heutzutage fehlt es oft an Wissen und Können, den korrekten Umgang mit diesem durchaus feinen Instrument praktisch zu vermitteln. In der Folge ranken sich zahlreiche Mythen und Vorurteile um die Kandare, die ich als Ausbilderin für klassische Dressur gern ins rechte Licht setzen möchte.

Zuallererst muss man sich über die Wirkung und den Gebrauch der Kandare mit Unterlegtrense bewusst werden: Die Trense stellt und richtet auf, die Kandare mit ihrer Hebelwirkung sorgt für die Beizäumung des Pferdes. Das bedeutet, das Pferd gibt im Genick nach – was voraussetzt, dass dies der höchste Punkt ist und sich das Pferd auf keinen Fall einrollt! Wer die Beizäumung durch den Einsatz der Kandare erzwingen will, zäumt also sprichwörtlich das Pferd von hinten auf.

Am Beginn des Umstiegs auf Kandare steht immer ein guter, erfahrener Lehrer, der dem Schüler auf einem entsprechend ausgebildeten Lehrpferd den Umgang mit vier Zügeln vermittelt. Reif für diesen Umstieg ist der Schüler, sobald er einen zügelunabhängigen Sitz erlangt hat. Damit sind wir bei der zentralen Qualifikation, die der Reiter mitbringen muss, um eine Kandare zu führen: eine ausgesprochen feine Reiterhand! Denn die „schärfere“ Wirkung der Kandare er-zieht den Reiter förmlich zu einem sehr sensiblen Umgang mit dem Pferdemaul.

Eine Beobachtung, die ich vor gut 20 Jahren in einer portugiesischen Kinderreitschule gemacht habe, soll das verdeutlichen: Nachdem die Kinder dort etliche Longenstunden absolviert hatten und geschmeidig saßen, ohne sich festhalten zu müssen, ging es ans erste „freie“ Reiten – und das zu meinem Erstaunen auf Ponys und Kleinpferden, die allesamt auf blanker Kandare gezäumt waren! Die Kinder mussten einhändig reiten und die Hand ganz still halten. Nie wieder habe ich Kinder so aufrecht, sicher, geschmeidig und zügelunabhängig sitzen sehen wie dort! Kein Rie-geln, kein Sich-am-Zügel-Ausbalancieren, kein grobes Ziehen, kein Druck. Und die Pferde? Die liefen in vorbildlicher Selbsthaltung am Zügel, zufrieden und daher ohne sich auf die Hand zu stützen.

Wie konnte es sein, dass junge, unerfahrene Reiter mit einem vermeintlich „scharfen“ Gebiss so ein harmonisches Bild boten? Die Antwort lautet: Aus Respekt! Die Schüler hatten Respekt vor dem Pferdemaul und führten die Zügel mit vorsichtiger, feiner Hand. Die Pferde wiederum hatten Respekt vor der Reiterhand und reagierten prompt und willig. Die Kinder erfühlten, wie wenig nötig ist, um ein Pferd sicher zu dirigieren. Nie hatten sie das Gefühl erlebt, auf einem steifen Pferd mit festem Hals und totem Maul zu sitzen. Ein „Durchstellen“ für eine starre Anlehnung, damit das Pferd am Zügel geht, war ihnen ebenso unbekannt wie ein scheuendes Pferd, das sich der Einwirkung über das Gebiss entzieht. Solche Bilder kannte ich aus unzähligen Schulpferdebetrieben: Lehrpferde, die den Respekt vor dem Gebiss verloren hatten, weil unzählige Reiter zu grob mit der vermeintlich „weichen“ Trense hantierten und ihr empfindliches Maul für die Schmerzen abgestumpft hatten.

Wer also die Voraussetzungen hat, den korrekten Umgang mit der Kandare zu erlernen, den kann ich nur ermutigen, diesen Schritt zu tun. So bleibt die Hand fein und die Reiterei gelangt auf eine höhere Ebene! Selbstverständlich können später auch alle schweren Lektionen auf Trense oder sogar gebisslos geritten werden. Aber eine solide Ausbildung auf Kandare und Unterlegtrense mit vier Zügeln zuvor hilft enorm, eine präzise und sensible Handeinwirkung in Verbindung mit einem zügelunabhängigen Sitz zu erlangen. Ich vergleiche das immer mit den Meistern der modernen Kunst, die vor der gelungenen Abstraktion die Grundtechniken der gegenständlichen Malerei beherrschten. Sozusagen über solides Handwerk zur Kunst des Weglassens.

Anja Beran