(Foto Julian Fellner)

Vertrauen auf Augenhöhe

Ist Bodenarbeit Spielerei am Seil? Gelassenheitstraining? Oder gezieltes Lektionentraining an der Hand? Sie ist all das und damit purer Tierschutz: Auf Augenhöhe mit dem Pferd kommen wir spielerisch zur stressfreien, feinen Kommunikation – und schließlich zur kognitiven und physischen Verbesserung von Leistung, Lektionen und Vertrauen!

Wer pferdegerecht trainiert, respektiert die Bedürfnisse des Pferdes und vermeidet physischen wie psychischen Stress. Dazu müssen wir verstehen, was ein Pferd unter Stress setzt und was es entspannt. Aber auch, wie es effektiv und motiviert Lerninhalte abspeichert. Diese Lerninhalte gelten einerseits für die Grundkommunikation (beispielsweise dem Druck weichen), aber auch für die Kombination von Signalen für Lektionen, die der Reiter abrufen möchte.

„Vor allem der Mensch muss die feine Kommunikation vom Boden aus lernen.“

Das Pferd als soziales Herdentier nimmt körpersprachliche Signale über Mimik, Gestik und die Körperspannung ganz natürlich wahr. Es lernt, sich schnell dem Menschen anzupassen und dessen Signale als relevant einzustufen (Sensibilisierung) oder diese zu ignorieren oder abzustumpfen (Gewöhnung). Also liegt es am Menschen, Signale so präzise zu setzen, dass das Pferd sie nicht nur wahrnimmt, sondern auch die Bedeutung versteht. Dabei sind Timing und Reizintensität von größter Bedeutung – und die schwierigste Herausforderung für den Menschen.

Timing bedeutet erkennen, wann das Pferd welches Signal an welchem Druckpunkt benötigt, um beispielsweise eine gewünschte Bewegung wie das Seitwärtstreten auszuführen. Genauso entscheidend ist, wann dieses Signal wieder weggenommen wird. Denn nur so kann das Pferd die „richtige“ Reaktion lernen, um einen Drucknachlass und somit eine belohnende Wirkung zu erzielen.

Die Druckstärke oder Reizintensität ist ebenfalls sehr wichtig. Würden wir das Pferd einem Signal mit gleichmäßig anhaltendem Druck aussetzen, würde es entweder abstumpfen und keine Reaktion mehr zeigen oder sich gegen den Druck wehren. Dies kann in der Bodenarbeit beispielsweise ein ständig anhaltender körperlicher Druck oder das dauerhafte Touchieren mit der Gerte sein; vom Sattel aus gleichzusetzen mit einem ständig anstehenden Zügel oder Dauertreiben mit dem Reiterbein.

Zu einer feinen, pferdegerechten und motivierenden Arbeit gehört also, sich nicht nur Wissen über das Lern- und Reaktionsverhalten des Pferdes anzueignen, sondern auch sein eigenes Körpergefühl präzise zu schulen. Können diese Eigenschaften vom Menschen auf dem Rücken des Pferdes noch nicht präzise genug an-gewandt werden, handelt es sich nicht um psychisch und physisch gesundes Reiten. Somit kann die Arbeit vom Boden sehr gut dazu beitragen, diese Eigenschaften des Menschen hinsichtlich Technik und Gefühl zu verbessern.

„Das höchste Gut, nach dem das Pferd als Flucht- und Beutetier strebt, ist Sicherheit.“

Vom Boden können wir dem Pferd durch die Klärung und die Klarheit unserer Signale diese Sicherheit geben. Auch weichende und entspannende Übungen stärken beim Pferd das Gefühl der Sicherheit. Das entspringt dem Herdenverhalten: Der Herdenchef, der durch Erfahrung und Fitness seine Herde schützt und Verantwortung für deren Wohlergehen übernimmt, ist auch derjenige, der das Privileg an Raum hat. Er darf zuerst an Heu, Wasser und den besten Liegeplatz, damit er seine Reserven wieder auffüllen kann.

Treten wir unserem Pferd gegenüber als gute Leitfigur auf (dazu gehört auch, es aus unserem Raum verweisen zu können), ist der erste Schritt zum beschützenden Anführer getan. Voraussetzung ist, dass uns das Pferd durch die beschriebenen klaren, fairen Handlungsabläufe vertraut. Das bedeutet, dass ein Signal immer fein an-fängt und sich steigert, bis es die gewünschte Reaktion hervorruft, und niemals aus dem Nichts mit hoher Reizintensität auf das Pferd trifft.

 

Mehr lesen Sie in ReitKultur 5. Hier gleich bestellen