Haltung zur Dehnungshaltung

Manuel Jorge de Oliveira

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KultLektüre: Was Reiter bewegt


Haltung zur Dehnungshaltung


Manuel Jorge de Oliveira widmet diesem aktuellen Reizthema ein Kapitel in seinem neuen Buch „Vertikal“. Der portugiesische Ausbilder gilt als Kritiker der Vorwärts-abwärts-Reiterei. Lesen Sie selbst!

 

Heutzutage auf einer größeren Reitanlage Unterricht zu geben, bedarf häufig eines sehr dicken Fells − vor allem wenn man nicht dem Mainstream folgt. Wenn man mit seinem Reitunterricht nicht in eine der Schablonen passt, wenn man weder FN- noch barock-, noch spanisch-, noch turnierorientierten − oder wie sie alle heißen − Unterricht gibt, sind die Zuschauer oder Mitreiter in der Reithalle doch sehr echauffiert.

Erst vor Kurzem wurde ich gefragt, warum denn das Pferd einer Schülerin „nicht durchs Genick“ ginge und wieso wir nicht erst einmal anfangen würden Vorwärts-abwärts zu reiten, sondern schon so viel seitwärts. Gleich zwei Dinge haben diese Zuschauerin also gestört − einmal, dass das Pferd nicht in die Schablone „Kopf-Hals-Position“ passte und zweitens, dass wir nicht dem Trend der exzessiven Vorwärts-abwärts-Reiterei gefolgt sind. Beide Dinge konzentrieren sich − mal wieder − auf die Position von Hals und Kopf des Pferdes. Dass die Menschen immer so darauf bedacht sind, dass die Kopf-Hals-Position gewissen Idealbildern entspricht, muss darin begründet liegen, dass sie das einzige ist, auf das der Reiter wirklich mit einfachsten Mitteln Einfluss nehmen kann, und sie für jeden auf einen Blick erkennbar ist. Wie viel schwieriger ist es jedoch zu erkennen, ob ein Pferd wirklich tätig mit der Hinterhand ist, ob es im Becken frei ist, ob es an den Hilfen steht und über den Rücken geht.

Dies zu erkennen verlangt vom Betrachter die Fähigkeit zu analysieren, nicht zu kritisieren. Was passiert nun beim Vorwärts-abwärts, analytisch betrachtet? Rein äußerlich nimmt das Pferd eine tiefe Kopf-Hals-Position ein, die Stirn-Nasen-Linie vor oder an der Senkrechten und trabt (meist lässt sich das Vorwärts-abwärts im Trab beobachten) locker dahin. Den Reiter sieht man meist leichttraben oder im leichten Sitz den Rücken entlasten. Bei dieser Betrachtung gehe ich davon aus, dass der Reiter Vorwärts-abwärts im Sinne der H.Dv.12 betreibt, nicht das, was heute oft als Vorwärts-abwärts missverstanden wird, nämlich mit der Nase hinter der Senkrechten und rundem Hals das Pferd in die Tiefe zu reiten.

Foto: Artur Balas
M.J. de Oliveira im Schritt auf Lusitanowallach Delta

Aber selbst hier, das lässt sich nicht vermeiden, wird die Muskulatur lang, sie wird gedehnt. Deswegen wird diese Haltung auch oft als Dehnungshaltung bezeichnet. Das Wort Dehnungshaltung beschreibt auch sehr korrekt, für was das Vorwärts-abwärts gut ist − nämlich für einen Moment der Dehnung, einen Moment der Pause während der Arbeit. Betrachten Sie einmal Ihren eigenen Arm und überlegen Sie, wie Sie mit Ihrem Arm Kraft ausüben können, was muss die Muskulatur tun, um arbeiten zu können. Versuchen Sie einmal mit einem gedehnten, langen Muskel zu arbeiten − Sie werden feststellen, dass dies nicht möglich ist. Der Muskel wird sich immer zu einem gewissen Grad kontrahieren, verkürzen, um die ihm bestimmte Arbeit zu erledigen. Ein Pferd kann also, genauso wie Ihr Muskel, im Dehnungszustand nicht arbeiten. Mehr noch, durch die tiefe Kopf-Hals-Position wird ein Vorgreifen der Vorhand blockiert und damit kann auch die Hinterhand nicht mehr unter das Gewicht treten. Das Pferd kommt zwangsläufig auf die Vorhand.

Ich spreche hier nicht davon, das Pferd einmal für kurze Zeit am langen Zügel ausruhen zu lassen, nachdem es eine gewisse Anstrengung unternommen hat, sondern von der heute häufig praktizierten Vorwärts-abwärts-Reiterei. Dabei wird meist zuerst am langen Zügel zehn Minuten Schritt geritten, das Pferd schlurft entweder irgendwie mit langem Hals daher oder wird mit einem großen, übereilten Schritt dahingehetzt. Dann wird gerne angetrabt und im Leichttraben das Pferd „in die Tiefe geritten“, auch gerne noch einmal zehn Minuten. Hierbei geht es ein paar Zirkel, Diagonalen und ganze Bahn im übereilten Tempo, es muss ja vorwärts. Oft mit wechselseitigen Paraden wird das Pferd dazu animiert, eine tiefe Kopf-Hals-Position einzunehmen.

Erst danach wird dann zur eigentlichen Arbeit übergegangen, bei der dann versucht wird, das vorher auf die Vorhand gerittene Gewicht wieder nach hinten zu verlagern. Die Reiter meinen, sie tun ihren Pferden etwas Gutes, schließlich wird das Vorwärts-abwärts heutzutage als Allheilmittel propagiert. Was jedoch meist dadurch produziert wird, ist ein Pferd, das so schwer auf der Hand liegt und mit hoher Kruppe arbeitet, dass jegliche Versammlungsbereitschaft verloren geht und die Reiter dann darüber klagen, dass sie Probleme in den versammelten Lektionen haben. Und wie schnell ist man dann von „Low and deep“ bei „Low, deep and round“, mit anderen Worten Rollkur! Im Endeffekt hat das so praktizierte Vorwärts-abwärts auf lange Sicht einen ähnlichen Effekt auf den Körper des Pferdes wie die so stark angeprangerte Rollkur. Aus meiner Sicht wird heute auch deshalb so viel vorwärts-abwärts geritten, weil man sich von der Rollkurreiterei distanzieren will, Vorwärts-abwärts gilt ja schließlich als Gegenteil der Rollkur und pferdefreundlich.

Verstehen Sie mich nicht falsch − die Dehnungshaltung ist keinesfalls aus unseren Reithallen zu eliminieren, als Pause für das Pferd im Schritt oder auch mal im Trab ist sie durchaus nützlich. Oder eben auch als das ureigenste Ziel, nämlich zur Überprüfung der Dehnungsbereitschaft des Pferdes. Doch sollte daraus keine Manie entstehen, bei der man wieder das Pferd in eine Schablone pressen will, dieses Mal eben in die Vorwärts-abwärts-Schablone. Viel mehr gibt man den Zügel hin und das Pferd darf sich strecken, wenn es möchte, ohne eben es gezielt in die Tiefe zu reiten.

Wie in der Literatur beschrieben, liegt der Großteil des Pferdegewichts auf der Vorhand, dies ist naturgegeben. Auch weithin bekannt ist, dass es die Aufgabe des Reiters ist, den Pferdekörper so zu formen, dass das Pferd immer mehr Gewicht auf die Hinterhand nimmt, um es als Athleten gesund zu erhalten und die allseits gesuchte Leichtigkeit an den Hilfen zu erlangen. Warum also sollte man es erst einmal geraume Zeit in die Tiefe reiten, um es dann wieder hoch zu holen?

„The back pays the bill of the neck“ − der Rücken zahlt immer die Rechnung des Halses. Will sagen, die Fehler, die vorne gemacht werden, wirken sich immer negativ auf die Rückentätigkeit des Pferdes aus. Wir sollten uns bei allem, was wir tun, viel mehr auf die Hinterhand konzentrieren, denn aus der korrekten Tätigkeit hinten ergibt sich die Kopf-Hals-Position des Pferdes. Die korrekte Kopf-Hals-Position ist auch von Pferd zu Pferd unterschiedlich, sie lässt sich nicht in Schablonen und Schwarz-Weiß-Tabellen pressen. Denn jedes Pferd bringt seine eigene Anatomie und Mechanik mit, die sich nicht verändern lassen. Zwei unterschiedliche Pferde werden also bei gleich guter Rücken- und Hinterhandtätigkeit unterschiedliche Kopf-Hals-Positionen einnehmen. Wenn der Reiter das Pferd vorne in Ruhe lässt, es einfach nur nicht tief gehen lässt und sich auf eine Mobilisation der Hinterhand konzentriert, wird sich das Pferd bei Hingeben des Zügels immer dehnen wollen − es muss nicht erst dahin geritten werden. Je nach Ausbildungsstand des Pferdes sollten natürlich die Zeitabstände zwischen den Dehnungsphasen kürzer oder länger sein. Je weiter ein Pferd ausgebildet ist, desto länger kann der Abstand von einer Pause in Dehnung zur nächsten sein.

Ein noch dazu vergessener Punkt ist der Energiefluss. Egal, wie viel Energie Sie versuchen hinten zu kreieren, bei einem Pferd, das vorwärts-abwärts geritten wird, wird diese Energie immer in den Boden fließen, sie wird verloren gehen. Im Endeffekt wird das Pferd nämlich immer müder und fauler statt energiegeladener. Dabei wollen wir doch ein freudig mitarbeitendes Pferd, das mit Geist, Herz und einem gewissen Schwung bei der Sache ist. Dazu muss die Energie, die zwischen Pferd und Reiter entsteht, aber auch fließen können. Wenn sich horizontale und vertikale Balance im Einklang befinden, wird die Energie kreisförmig fließen − sie geht also nie verloren, sondern bleibt bis zum Ende der Reiteinheit erhalten. Dass das Pferd also nicht müde und abgespannt in die Box zurückgeht, sondern in positiver Energie, trägt zur Erhaltung von Gesundheit und Motivation bei.

In der Natur benutzt ein Pferd die tiefe Kopf-Hals-Position auch nur zum Grasen, wobei es sich Schritt für Schritt vorwärtsbewegt. Sobald es − egal in welcher Gangart − von A nach B gehen will, wird es seinen Kopf heben und sein Ziel ansteuern. Wenn der Reiter auf dem Pferd sitzt, muss er sich auch eben diese Eigenschaft des Pferdes zunutze machen, er darf die Natur nicht zerstören. Was er im Vergleich zum freien Pferd zu verbessern anstreben sollte, damit das Pferd den Reiter tragen kann, ist die Tätigkeit von Rücken und Hinterhand.

Abschließend ist also alles eine Frage des Gleichgewichts. Wenn die horizontale (natürliche) und die vertikale (durch den Reiter herbeigeführte) Balance stimmt, befindet sich das Pferd im Gleichgewicht und kann mit Leichtigkeit alle ihm abverlangten Lektionen oder Bewegungen ausführen, es wird dem Reiter willig folgen und mit ihm eine Einheit bilden. Das Vorwärts-abwärts als solches dient nur einer Pause und einer Überprüfung der Dehnungsbereitschaft des Pferdes − wenn die Arbeit vorher korrekt war, wird sich das Pferd bei Hingeben des Zügels auf eine natürliche, nicht künstlich herbeigeführte Art und Weise strecken wollen. Ich denke, jeder Reiter sollte einmal in seiner reiterlichen Laufbahn ein Pferd unter sich gespürt haben, das sich wirklich in Leichtigkeit bewegt. Dann wird er für immer und mit jedem Pferd dieses Gefühl herzustellen suchen und automatisch nach dem Gleichgewicht streben.

Manuel Jorge de Oliveira

Aus „Vertikal“,
Kosmos Verlag, Edition Wu Wei 2017,
29,99 Euro

www.manueljorgedeoliveira.com

 

 

12 Comments

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