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Es ist nämlich unmöglich, alle Pferde in ein- und derselben nahtlosen Abfolge der Lektionen auszubilden. Daher ist es vorzuziehen, zu jenen Schulübungen überzugehen, in denen es mitarbeitet und sich meistern lässt. Das ist besser als darauf zu bestehen, dass sich das Pferd unter dem Druck heftiger Korrekturen zu unterwerfen und jene Lektionen auszuführen hat, die es aufgrund naturgegebener Schwächen außerstande ist anzubieten.“

Reitmeister Manoel Carlos de Andrade, 1790

Überlegen Sie einmal vor dem Hintergrund dieses klassischen Merksatzes, welche Weisheit die Reitmeister schon vor Jahrhunderten besaßen – und wie dagegen der moderne Reiter häufig handelt. Es gibt heute so viele Reitlehren, die sich mit der Ausbildung des Pferdes bis zur Hohen Schule beschäftigen. Mit dem idealen Weg, uns ein leichtrittiges, gesundes und schönes Reitpferd heranzuziehen. Doch die meisten dieser Reitlehren beschäftigen sich mit dem hinsichtlich Exterieur und Charakter idealen Pferd, sei es Warmblüter oder Barockrassen-Vertreter.

Auch die Meisterwerke aus Renaissance und Barock kann man von dieser Regel kaum ausnehmen, denn gerade jene hohen Herren, welche die Pferde für Adel und Könige ausbildeten, hatten das Vergnügen, sich ihre vierbeinigen Schüler ganz genau aussuchen zu können. So kamen und kommen damals wie heute in vielen Ausbildungsställen nur Pferde mit besonderer Veranlagung unter den Sattel, um die Ausbildung nicht zu schwierig und langwierig zu gestalten.

Nun haben wir Freunde der Akademischen oder generell der klassischen Reitkunst eher selten das Glück, ein Bewegungstalent auszubilden, das noch dazu sanft und leistungsbereit ist. Reiter ohne Turnierambitionen schaffen sich sehr oft ein Pferd an, weil der Funke überspringt. Die besondere Verbindung und Liebe zu diesem Pferd ist uns wichtiger als sein korrektes Gebäude. Das ist es auch, was unsere heutige Zeit so besonders macht: Wir wählen unseren Partner Pferd mit dem Herzen und legen den Fokus auf Zuneigung und Freude statt auf bloße Vernunft oder Funktionalität.

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Das ist schön und relativ neu in der langen Pferd-Mensch-Geschichte, bringt aber auch einige Schwierigkeiten mit sich. Um uns gut tragen zu können, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen, braucht unser Freizeitpartner nämlich eine ebenso gute (eher noch bessere und gründlichere) Ausbildung als die Königspferde vor ein paar hundert Jahren.

Nun haben wir also kein sogenanntes Lehrbuchpferd, und viele Theorie-Anleitungen helfen uns mit einem Pferd, welches sich anders verhält als eben jenes Lehrbuchpferd nicht oder nur begrenzt weiter. Ich selbst besitze so ein nicht-lehrbuchkonformes, mit dem Herzen ausgewähltes Pferd: ein Quarter-Horse mit sämtlichen rassebedingten Exterieur-Schwierigkeiten. So habe ich schon früh erkannt, dass Individualität in der Pferdeausbildung das oberste Gebot ist. Es gibt daher nur eine Standardantwort, wenn mich meine Schüler nach Patentrezepten fragen. Sie lautet: „Das kommt ganz auf dein Pferd an.“

„So macht man es sich auch leicht“, mögen einige da sagen, aber es ist nun einmal wahr, und es macht Pferdeausbildung so spannend und abwechslungsreich: Jedes Pferd ist ein neues Projekt, das in seiner Ausbildung seinen ganz speziellen, einzigartigen Weg gehen wird und uns zu immer neuen Überraschungen und Erkenntnissen führen kann.

´So entstand die Idee für diese ReitKultur-Serie: Bent Branderup, der dänische Reitmeister und Begründer der Akademischen Reitkunst, erzählt oft, dass seine eigenen Pferde die unterschiedlichsten, teilweise erst im Zuge ihrer Ausbildung entstandenen, Wege und Übungen brauchten.

So trug jedes seiner Pferde zur Entwicklung der Akademischen Reitkunst bei; zu einem Ausbildungssystem, dass die Lehren und Erfahrungen der alten Reitmeister mit modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft. Es wurden dabei etwa Übungen wie die Schulparade wiederentdeckt, die für die alten Meister eine Selbstverständlichkeit war. Das Wissen darüber ging aber über die Jahrhunderte verloren und musste mithilfe vieler Experimente wieder ausgegraben werden.

Ich beschloss daher, eine Serie zu Bent Branderups Pferden zu verfassen, zu ihren Besonderheiten, ihren Schwierigkeiten und dem sich daraus ergebenden Ausbildungsweg. Jeder Reiter wird vermutlich sein eigenes Pferd oder einige Herausforderungen in diesen fünf Pferdetypen wiederfinden können – und so Tipps und Inspirationen für seinen ganz speziellen Ausbildungsweg mitnehmen können. Wir beginnen heute mit Tyson.

Text: Julika Tabertshofer

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